In meinem Garten gibt es eine Burg, die ein winziger König bewohnt. Er ist Nachfahre von Riesen, wird seit Jahrtausenden für seinen Mut und seine List bewundert. Er bringt gerade mal um die zehn Gramm Lebendgewicht auf die Waage und ist bei mir ein unbekümmerter Begleiter in den Winter, der heraufziehende Kälte und Dunkelheit mit Gesang und kokett aufgerichtetem Schwanz quittiert.

Die Rede ist vom Zaunkönig. Er gehört zu meinen liebsten Gartenbewohnern und ist ein Verfechter von Unordnung jeder Art. Er schätzt Haufen von Gartenschnitt und Reisig, dichte Büsche und Bodenvegetation. Je undurchdringlicher, umso besser. Dort baut er mehrere kunstvoll-kugelige Nester. Er hält sich gern bedeckt und ist deshalb nach dem Laubfall besser zu beobachten, Insekten aller Art prägen seinen Speiseplan. Am auffälligsten ist, neben seinem aufgestellten kurzen Schwanz und seiner leicht wippenden Gangart, seine Stimme. Mit einer Lautstärke bis zu 90 Dezibel (ein Presslufthammer erreicht 80) ist einer der kleinsten Vögel Europas 500 Meter weit zu hören. Da er als einziger Standvogel auch im Winter singt, nannte man ihn früher Schneekönig.

Man könnte also sagen, seine Aura ist gewaltig und zieht sich durch die Jahrtausende. Abgesehen davon, dass auch er zu den einzigen Nachfahren der Dinosaurier gehört (die heutigen Vögeln gingen aus gefiederten, eierlegenden Raubsauriern hervor, die als einzige ihrer Art das Sauriersterben überlebten), wird von seiner Schlauheit schon vor mehr als zweitausend Jahren erzählt. In einer Fabel des Äsop überlistet er den Adler und wird König der Vögel. Seither durchzieht der Zaunkönig die Märchen und Mythen der Welt, bewegt Dichter und Philosophen. Heute gilt er als Indiz für eine vielgestaltige Umwelt.

Aufs Schönste hat ein Begründer der hiesigen Naturgarten-Bewegung das ideale Reich des »flinken Asthaufenvagabunden und Büschehuschers«, seine »Zauberwelt«, die ihm überleben hilft, beschrieben: »Am besten wäre, Sie wären leicht schusselig, vergesslich und im argen Maße unordentlich. Dann hätten Sie nämlich die richtige Mentalität für den Zaunköniggarten. Der darf schon etwas verwildert, vergessen, stellenweise verloren sein … Am meisten tun Sie manchmal, wenn Sie etwas lassen. Lassen Sie das Leben sein. Nehmen wir uns ein Beispiel am Zaunkönig. Lustig schon im Morgengrauen und überzeugend in seiner Stimme, dass es einem die Sprache verschlägt. Und nicht unterzukriegen« (Reinhard Witt).

(Auszug aus Eva Rosenkranz: Überall ist Garten – Zufluchtsort zwischen Lebenskunst und Überleben; oekom Verlag 2019; Illustration von Ulrike Peters)

Eva Rosenkranz

Überall ist Garten

Zufluchtsort zwischen Lebenskunst und Überleben
352 Seiten, oekom verlag München, 2019
ISBN-13: 978-3-96238-107-3

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  • © Ulrike Peters