Selbst in diesem Monat der Kargheit, der Zurückgezogenheit, des Versteckens, Einbuddelns, Überdauerns und was der Überlebensstrategien mehr sind, stehen allenthalben bunte Wegwerfblumen herum. Schnell verderbliche Maskerade? Billiger Trost? Aber wofür? Oder bestätigt sich hier eine Entwicklung, die ich im gesamten Jahr sehe? Je geringer die Vielfalt in unseren Gärten, umso mehr Zierrat macht sich breit. Das Geschäft mit rostigen Eisenfiguren, Blumenkugeln, Fähnchen boomt. Keine Tiere, aber künstliche Enten, keine abwechslungsreichen Hecken, aber Steingabionen. Allen, die in diesen Gärten überleben, droht Erstickungstod unter Rindenmulch oder bunt gefärbten (Kunst-)Kieseln. Hinzu kommen als grelles Make-up die bereits bekannten Massenblüher aus dem Vorratsraum der Chemie-Industrie. Im kargen November werden die Kontraste besonders deutlich: Wir verhässlichen unsere Welt, monotonisieren unsere Gärten und versuchen verzweifelt, mit Surrogaten wieder aufzuhübschen, die käufliche Schönheit vorgaukeln. Je mehr der Garten mit seinen Kräften haushaltet und gegen Ende des Monats unerbittlich auf Sparmodus schaltet, umso mehr wird dekoriert. Nicht ein Fratzenkürbis, sondern zehn, nicht eine buntblättrige Winterpflanze wie das Purpurglöckchen, sondern fette überdüngte Chrysanthemen, die im Regen schnell zu braunem Matsch werden. Es geht um Ersatz, um Verschleierung und um Verdrängung. Wir ertragen das ungeschönt Vergängliche nicht.

Für mich gilt viel mehr, das Dunkel, das ›Arme‹, das Reduzierte nicht nur auszuhalten, sondern mutig zu erkunden – auch im Sinne des Überprüfens eigener Schönheitsvorstellungen. Wir bekommen hier die Chance, wieder zu lernen, was den Rhythmus der Natur, unseren Rhythmus ausmacht. Und welchen Preis wir für das Immer-alles-haben-Wollen zahlen. Das gilt auch für das Blühbedürfnis, das wir im Winter fast nur durch weite Transportwege, schlechte Arbeitsbedingungen und hohen Pestizid- sowie Düngereinsatz befriedigen können.

Im November-Garten können wir der Schönheit des Weniger, der Mäßigung begegnen. Eine Sensibilisierung, die der Reizüberflutung entgegenwirken kann, uns ruhiger macht und den Blick schärft. Im November schließen sich für einen Augenblick Kreise. Das Gartenjahr ist hier aufgehoben. Mit seinen Grausamkeiten und seiner Schönheit, seinem Leid und seiner Freude. Blütenträume und Matsch, Erntesegen und Hagelschlag, Leben und Sterben.

(Auszug aus Eva Rosenkranz: Überall ist Garten – Zufluchtsort zwischen Lebenskunst und Überleben; oekom Verlag 2019; Illustration von Ulrike Peters)

Eva Rosenkranz

Überall ist Garten

Zufluchtsort zwischen Lebenskunst und Überleben
352 Seiten, oekom verlag München, 2019
ISBN-13: 978-3-96238-107-3

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  • © Ulrike Peters
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