Bei anhaltendem Schneefall, sich türmenden Schneebergen und Kälte fühlt sich die Trennung zwischen mir und dem Garten härter an. Gab es alte Verbindungen zwischen drinnen und draußen? Bilder von Eisblumen schmuggeln sich in meine Gedanken. Was für ein klimafeindlicher Luxus, sich Eisblumen zurückzuwünschen.

In Zeiten vor den mehrfachverglasten Fenstern waren Eisblumen ein winterliches Kinderglück, den Erwachsenen vermutlich ein ungeliebter Winterbegleiter. Die Eiskristalle bilden phantasievolle Blumenformen an schlecht isolierenden Innenscheiben. Meist wachsen sie von den unteren Rändern in die Mitte des Glases. Heute sind diese Freunde meiner frühen Kindheit weitgehend verschwunden, könnten also einen Platz auf der Roten Liste beanspruchen. Natürlich ist das in Zeiten des Klimawandels eine gewagte Aussage. Wer will schon zugige Fenster und hohe Energieverluste mit den entsprechenden Klimafolgen. Und doch sind meine Erinnerungen an Eisblumen mit Bedauern verknüpft. Ich sehe mich als Kind im uralten Fachwerkhaus von Verwandten. Feucht, schlecht beheizt, kaum isoliert, eng. Bei Winterbesuchen stand ich am Fenster, wie gebannt von der Vielfalt der Eisblumen. Immer wieder habe ich sie weggehaucht, mit warmem Atem zum Schmelzen gebracht. Nach kurzer Zeit wuchsen sie neu, immer andere phantastische Gebilde. Und eine weitere Erinnerung gesellt sich dazu: In der legendären Verfilmung des Romans Doktor Schiwago von Boris Pasternak finden die Liebenden für kurze Zeit Zuflucht in einem einsamen Domizil, das wie ein Kristallpalast mit Eisblumen bedeckt ist. Zarte Metapher für ein gefährdetes Liebesglück .

Mit ein wenig Lust auf Provokation könnte ich sagen: Eisblumen sind Opfer unserer Dämmhysterie. Immerhin neigen wir hier wie so oft zur Übertreibung. Wenn Häuser gedämmt werden, bis sich Schimmel breit macht, weil keine Feuchtigkeit mehr an den energetischen Schwachstellen Fenster entweichen kann. Automatische Belüftungsanlagen werden in supergedämmten Häusern notwendig. Machen wir unsere Häuser zu dicht? Werden hier Erkenntnisse und Notwendigkeit zu Klimawandel und Energiewende verabsolutiert, weil wir komplexe Ursachen und Zusammenhänge so schwer aushalten? Sobald wir eine Lösung für ein Problem erkannt zu haben glauben, wird sie zur einzig Richtigen, die überall gelten muss, jedem aufgezwungen wird. Eine andere Form der Zerstörung von Vielfalt, die sich in Natur und Gesellschaft beobachten lässt. Die Eisblumen jedenfalls sind längst geflohen.

(Auszug aus Eva Rosenkranz: Überall ist Garten – Zufluchtsort zwischen Lebenskunst und Überleben; oekom Verlag 2019; Illustration von Ulrike Peters)

Eva Rosenkranz

Überall ist Garten

Zufluchtsort zwischen Lebenskunst und Überleben
352 Seiten, oekom verlag München, 2019
ISBN-13: 978-3-96238-107-3

Bildnachweis:

  • © Ulrike Peters
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