Nie war mehr Licht. Dieser Satz gilt nicht dem ersehnten Sonnenlicht, wenn der Winter sich neigt. Er zeugt vom Diebstahl der Nacht durch eine Übermacht aus Straßenlaternen, Industrieanlagen, Lichtreklame. Kirchen, Rathäuser, Berge werden angestrahlt. Bewegungsmelder von Einfamilienhäusern tauchen das Umfeld in den Lichtkegel von Gefängnishöfen, sobald eine Maus vorbeihuscht. Mini-Gärten werden ausgeleuchtet wie Parkanlagen, immer häufiger auch farbig.

Seit der Erfindung der Glühbirne haben wir Dunkelheit mehr und mehr dezimiert, eine bedrohte Art sozusagen. Ein Blick aus der Internationalen Raumstation zeigt die Erde als leuchtenden Planeten. Die Welt schläft nicht mehr, und sie ist immer hell. Blickt man von dunklen Orten in den Nachthimmel, sieht man bis zu 6500 Sterne, in gut ausgeleuchteten Innenstädten grad mal einige Dutzend.

Die Erfindung des elektrischen Lichts war eine Revolution; sie befreite Menschen aus der Herrschaft der Finsternis in vielerlei Hinsicht, denn sie demokratisierte die Tageseinteilung, das Sehen, Lesen, Arbeiten und Vergnügen. Doch der »helle Dreck«, der heute die Welt jedes Jahr um bis zu sechs Prozent stärker verschmutzt und bereits 80 Prozent der Weltbevölkerung betrifft, zeigt das gleiche Phänomen wie bei der Zerstörung von Lebensräumen, Klima oder Artenvielfalt. Wir finden kein Maß.

Die Schattenseiten der Lichtverschmutzung betreffen den gesamten Naturrhythmus, also auch den des Menschen. Pflanzen, Tiere und Menschen sind auf die Balance von hell und dunkel eingestellt, wie ein uraltes Programm. Pflanzen verändern ihren Wachstumszyklus; Bäume verzögern die Regulierung des Wasserhaushalts im Herbst, sie werfen in der Folge Blätter später ab, was zu Schäden bei frühem Frost führen kann. Nachtaktive Tiere, und dazu gehören 30 Prozent der Wirbeltiere und 60 Prozent der Wirbellosen, insbesondere Insekten, verändern ihr Flug- und Fortpflanzungsverhalten oder geraten in den wie ein Staubsauger wirkenden Sog von künstlichen Lichtquellen. In der Folge umschwirren Insekten so lange solche Lichtquellen, bis sie vor Erschöpfung sterben. Stadtvögel bleiben länger wach, Zugvögel verlieren die Orientierung. 

Dass auch Menschen darunter leiden, wenn es nicht mehr dunkel wird, lassen Untersuchungen vermuten. Der Einfluss von Licht auf Hormonhaushalt und Schlafrhythmus gilt als wahrscheinlich. Unser Organismus ist auf einen 24-Stunden-Tag ohne echte Dunkelheit nicht eingestellt. Forderungen nach einem Menschenrecht auf Dunkelheit werden laut, ebenso wie auf Stille. Städte und Gemeinden suchen nach Lösungen, um die Lichtbelastung zu reduzieren. Wien erstellt eine Lichtbilanz, New York schaltet das Licht der Hochhäuser ab, wenn die Zugvögel kommen, über intelligentes Lichtmanagement wird debattiert, Bayern hat im Rahmen des Volksbegehrens Artenvielfalt die Beleuchtung öffentlicher Gebäude reglementiert.

(Auszug aus Eva Rosenkranz: Überall ist Garten – Zufluchtsort zwischen Lebenskunst und Überleben; oekom Verlag 2019; Illustration von Ulrike Peters)

Eva Rosenkranz

Überall ist Garten

Zufluchtsort zwischen Lebenskunst und Überleben
352 Seiten, oekom verlag München, 2019
ISBN-13: 978-3-96238-107-3

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  • © Ulrike Peters
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