Wer etwas von Kreativität und Spiellust der Natur erahnen will, sollte sich ihre Samenentwürfe anschauen. Verrückt und simpel, klobig und filigran, dick und hauchfein; da wird verwickelt, geklebt, gehüpft und ausgekackt; Samen sind Fallschirmspringer, Weitsprungweltmeister und Stubenhocker. Mit nicht endender Begeisterung hat zum Beispiel Maurice Maeterlinck diese Wunderwelt mit ihren Erfindungen beschrieben, die nur dem einen Zweck dienen: »dem furchtbaren Gesetz der völligen Unbeweglichkeit« zu entkommen und möglichst weit in einen neuen Lebensraum zu gelangen. Von Luftschrauben, Flügelschrauben oder Schwebschirmen bis zu Sprungfedern, Spritzballen oder Wollhaken finden sich phantastische Ideen und eigenwillige Konstruktionen.

Wie auch immer die Samen sich in der Welt ausbreiten, stets sind sie Magazine des Lebens und speichern die Rezeptur eines Pflanzenwesens mit allen seinen Möglichkeiten – von der zierlichsten Glockenblume bis zur riesigen Eiche. Sie sind erste Speicher fürs Überleben, bis eigene Wurzeln die Versorgung des Keimlings sichern und der Spross zu wachsen beginnt. 

Eine kleine Samensammlung ergibt ein breites Spektrum von Gartenphantasie. Beginnend bei den beliebten schwarzen Winzlingen der Nachtkerze, die sich in Tütchen drängeln, von Vögeln herausgeangelt oder vom Wind mitgenommen werden. Ein wenig ähnlich sind die Zipfelmützen des Wiesenstorchschnabels, die nur wenige Samenkapseln hüten. Natürlich sind jene unübersehbar, die fast wie Früchte wirken, also Nüsse, Eicheln, Bucheckern; auch Früchte sind eigentlich nur Hüter der Vermehrungsstrategien, indem sie, im Unterschied zu den meist nach Ausreifung trockenen Saatgut, die Samen solange umhüllen und schützen, bis die zu keimen beginnen. Wiesenmalven, die bis zum Frost einen rosa Sommerhauch bewahren, sind übersät mit viereckigen geschlossenen Samenkapseln, die mich an Falttechniken erinnern, deren Geheimnis sich mir nie erschlossen hat. Mohnkapseln, die am oberen Rand winzige Löcher haben, enthalten ebenfalls feine Samen; wenn der Wind die Kapseln wie kleine Salzstreuer rüttelt, fliegen sie davon. Die schwarz-hell-gestreiften Sonnenblumenkerne werden von Meise & Co. mit energischen Schnabelhieben von ihrer Schale befreit und verspeist. Viele Kräuter überlassen ihre runden oder länglichen Samenkörnchen dem Wind, wenn sie nicht eingesammelt werden, genauso wie der benachbarte Ahorn seine geflügelten Samen, die beim Landeanflug wie Propeller rotieren. Als Leichtflieger könnte man Löwenzahn oder Bocksbart bezeichnen; ihre Ultralight-Schirmchenkonstruktion nötigt Ingenieuren Respekt ab.

(Auszug aus Eva Rosenkranz: Überall ist Garten – Zufluchtsort zwischen Lebenskunst und Überleben; oekom Verlag 2019; Illustration von Ulrike Peters)

Eva Rosenkranz

Überall ist Garten

Zufluchtsort zwischen Lebenskunst und Überleben
352 Seiten, oekom verlag München, 2019
ISBN-13: 978-3-96238-107-3

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  • © Ulrike Peters
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