Als ich am Samstagmorgen aus dem Fenster schaute, fiel mir ein bunter Fleck in unserem ansonsten noch eher farblosen Garten auf. Bei genauerem Hinsehen entpuppte sich dieser als Elfen-Krokus, dessen Zwiebeln wir letztes Jahr als Frühblüher gepflanzt hatten. Wir haben den 8. Februar und es ist herrlich sonniges Hochdruckwetter. Ich packte unsere Kamera und machte mich auf den Weg, um den ersten Frühlingsboten zu fotografieren. Als ich mit dem Makroobjektiv das Objekt fokussierte, saß bereits eine Biene auf der Blume und machte sich eifrig über den Pollen her. Über unserem Komposthaufen in der Nähe summte eine ganze Horde von Honigbienen auf der Suche nach Fressbarem.

Mir fiel schnell auf, dass diese Blüte nicht die einzige ihrer Art war, die sich schon so früh aus der Deckung wagte. Neben weiteren Krokussen waren auch Winterlinge, Märzenbecher und Schneeglöckchen bereits am Blühen.

Erinnerungen an weiße Winter

Meine Lebensgefährtin und ich leben in Finning, einem Dorf im Alpenvorland, das auf über 600 Metern liegt. Als ich der Liebe wegen vor fast 30 Jahren von der ca. 150 Meter tiefer gelegenen Schottereben nördlich von München hierher zog, habe ich immer etwas spöttisch von Kleinsibirien geredet, wenn ich alten Bekannten erzählte, wo ich jetzt lebe. Das lag daran, dass wir hier oft sehr schneereiche Winter hatten, die manchmal schon im November begannen und nicht selten bis in den April hinein dauerten.

Vor ein paar Jahren haben wir uns noch extra Schneeschuhe angeschafft, um ausgedehnte Schneewanderungen in unserer Umgebung zu machen. Es gab auch mehrere Langlauf-Loipen, die ambitionierte Freizeitsportler jedes Jahr gespurt haben. Auf unserem Stausee in unmittelbarer Nähe konnte man Schlittschuhlaufen. Alteingesessene erzählten mir, dass sie früher aus Gaudi auf dem zugefrorenen See mit einem VW-Käfer herumgeschlittert sind. Im benachbarten Dießen soll es sogar mal einen kleinen Skilift gegeben haben.

Dieses Jahr wirken solche Erinnerungen wie aus einer anderen Zeit. Ich musste noch nicht ein einziges Mal die Schneeschaufel aus dem Schuppen holen, um vor 7 Uhr morgens entlang unseres Grundstückes einen ein Meter breiten Streifen für Fußgänger freizuhalten, so wie es die Gemeindeordnung verlangt. Nicht, dass ich mich darüber ärgern würde, aber seitdem ich hier wohne, gab es das noch nie.

Ein Wimpernschlag für ein ganzes Zeitalter

Letztens habe ich mich mit einem Freund darüber unterhalten und er hat mich darauf hingewiesen, dass es solche Schwankungen in der Geschichte unseres Planeten schon immer gab. Ich erzählte ihm daraufhin von einem Vortrag des renommiertem Klimaforschers Prof. Harald Kunstmann, den ich eine Woche davor besucht hatte. Seit dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor zwanzigtausend Jahren, so referierte er, hat sich die globale Durchschnittstemperatur um fünf Grad erhöht. Wenn wir nicht massiv gegensteuern, wird sich seiner Einschätzung nach die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts um weitere fünf Grad erhöhen. Das bedeutet, dass wir durch CO2-Emissionen die natürliche Erwärmung um ein 1000-faches beschleunigt haben!

Die wunderschöne hügelige Landschaft um Finning herum wurde von Gletschern geformt, die, nachdem sie sich am Ende der letzten großen Eiszeit wieder in Richtung Alpen zurückzogen, große Moränen zurückließen. Das waren riesige Haufen von Kies und Geröll, die sich über Jahrtausende zuerst zu von Gräsern und Blumen besiedelten Steppen und später durch das Einwandern von Bäumen zu Waldlandschaften entwickelten. Die meisten Magerstandort liebenden Wildblumen, die wir heute bei uns kennen, stammen übrigens aus dieser ersten Besiedlungsperiode. Durch menschliche Bewirtschaftung seit der Sesshaftwerdung vor 7000 Jahren entstand dann die Kulturlandschaft, so wie wir sie heute kennen.

Mutter Natur wird die Herausforderung meistern, die eine so extreme Klimaveränderung, wie sie von den meisten Klimaforschern prognostiziert wird, mit sich bringt. Sie hat mittlerweile fast vier Milliarden Jahre Erfahrung in solchen Dingen. Ob das dem Menschen mit seiner zum Überleben so wichtigen Land- und Forstwirtschaft gelingen wird, darf zumindest kritisch hinterfragt werden. Zumal weder auf politischer noch auf gesellschaftlicher Ebene der Wille erkennbar wird, dieser heraufziehenden Gefahr mit staatlichen Maßnahmen oder privatem Verhaltenswandel ernsthaft entgegenzuwirken.

Oder wir vertrauen doch lieber darauf, dass die Klimaskeptiker Recht behalten – die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.