Es ist ein ganz besonderes Buch. Man nimmt es gern zur Hand: der ansprechende Umschlag, das schöne Papier, die wunderbaren Illustrationen, insbesondere aber die Gedanken und Anregungen zum Leben im und mit dem Garten, an denen uns die Autorin Eva Rosenkranz teilhaben lässt. Durch die Gliederung in die einzelnen Monate des Jahres steigt man als Leser dort ein, wo man gerade ist: im Januar mit Buchsbaum und Spatz, mit Holunder und Federgeistchen im Mai, mit Glühwürmchen und Johanniskraut im August oder mit Winterschneeball und Amsel im Dezember. Gärtnern ist in – sei es aus Lust am eigenen Tun, sei es als kleine Flucht aus einer Welt voller Zeitnot und Lärm. „Doch ein guter Garten ist mehr als ein ‚Zurück zur Natur‘, denn die Blaue Blume der Romantik kann schon morgen Schneckenfraß sein“, schreibt Eva Rosenkranz. Sie stellt Tugenden und Haltungen in den Mittelpunkt, die im Garten ihren Nährboden finden – von Gelassenheit und Empathie bis zu Widerstandskraft und beherztem Tun.

Der Blick der Autorin in die Gärten ihrer Kindheit, in ihren heutigen Garten und aus dem Garten heraus – immer entlang der Jahreszeiten – durchzieht das Buch wie ein roter Faden. Eva Rosenkranz schreibt nichts vor, jedoch springen ihre Gedanken auf den Leser über. Wie war es in der Kindheit, wie ist es heute? Wie gestalten wir unsere Gärten, was wünschen wir uns von ihnen, was können wir tun, was lassen wir lieber? Wissen wir überhaupt noch, wie in unserer Kindheit ein Wiesenrain aussah – ein Wort, das heute fast nur noch in Ortsnamen existiert? Damals blühten Wegwarte, Flockenblumen, Mohn, Steinkraut, Wiesenpippau, Natternkopf und viele mehr. … Allein verlängerte Mähpausen können uns wieder eine Ahnung davon geben. Lassen wir den Rasenmäher im Schuppen, lassen die Wiese in unserem Garten in Ruhe, beobachten wir, was passiert, wenn wir nicht jeden Samstag mähen. Wir stellen erstaunt fest, welche Blumen und Insekten sich zurückmelden: Eine Wiese, wie sie noch vor wenigen Jahrzehnten normal war, ist spannender und schöner als jede Rasenfläche. „Wenn Gräser und Blumen kniehoch stehen und sich versamt haben, könnten wir uns an Sense und Sichel erinnern. Einen Gedanken wäre es wert“, schreibt Rosenkranz.

Wir begegnen dem Farbenrausch des Oktobers, der abgelöst wird vom Rausch des Aufräumens: Alsbald rücken die Großreinemacher der Gartenwelt an, mit Schere und Laubbläser, um der Natur gnadenlos zu zeigen, wo es langgeht. Welche Folgen dieser gärtnerische Ordnungswahn hat, ist im Buch nachzulesen. Aber auch, was man dagegen tun kann und das heißt in erster Linie: Lassen. Und nicht immer lassen sich abgeholzte und gewaltsam umgepflanzte Sträucher und Bäume von uns Menschen vertreiben – sie kehren wieder, anders, aber sie erholen sich.

Natur ist in, Natur ist politisch, Natur ist in die Schlagzeilen zurückgekehrt. In „Überall ist Garten“ durchstreift Eva Rosenkranz die Jahreszeiten als Natur- und Lebensrealität. Im gärtnerischen wie im umwelt- und gesellschaftspolitischen Sinn wirft sie den Blick aus den Gärten in die Welt. Dabei stellt sie Haltungen in den Mittelpunkt, die im Garten ihren Nährboden finden und für das Leben wappnen können: Gelassenheit und Widerspruchsgeist, Empathie und Eigensinn, Geduld und Glück. Gärten ernähren uns, sie sind nützlich und fruchtbar, gleichzeitig bereichern sie unser Leben mit ihrer Schönheit, wenn wir es zulassen. Lebende Hecken oder grässliche Gabionen, blühende Wiese oder monotone Rasenfläche? … Wir haben es in der Hand.

 

Eva Rosenkranz

Überall ist Garten

Zufluchtsort zwischen Lebenskunst und Überleben
Hardcover, 352 Seiten mit 12 farbigen Illustrationen von Ulrike Peters. Oekom Verlag München 2019, 28 Euro.
ISBN-13: 978-3-96238-107-3

Bildnachweis:

  • © Ulrike Peters
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